Die Entwicklungsphasen des Welpen

DIE
ZEIT BEIM ZÜCHTER
Hier
soll vor allem der Zeitraum behandelt werden, in dem sich die Welpen in der Hand
der Züchter befinden. In dieser Zeit tragen Züchter die volle Verantwortung für
die körperliche, besonders aber für die seelische Entwicklung der Welpen.
Es
sollte eigentlich klar sein, dass der gute Züchter längst mit allen Möglichkeiten
der Entwicklungsförderung der Welpen vertraut ist. Das Wissen um diese
Erkenntnisse sollte klar zum Handwerkszeug eines jeden Züchters gehören.
Erfahrung hilft natürlich viel, aber man kann durchaus über viele Jahre alles
falsch machen und große Erfahrung darin besitzen. Würden alle Züchter richtig
handeln, gäbe es viel weniger Probleme mit dem sog. „Wesen“ des Hundes. Man
muss allerdings einräumen, dass selbst die besten Züchter eine völlig
verfehlte weitere Aufzucht durch die neuen Welpenbesitzer kaum verhindern können.
Im
deutschen Sprachraum war es vor allem der Lorenz-Schüler Eberhard Trumler, der
sich intensiv mit den Entwicklungsphasen der Welpen befasste und das Wissen
darum populär machte. Tatsächlich wurden durch genaue Untersuchungen über die
Verhaltensentwicklung nicht unerhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen
Rassen gefunden. Eine besonders ausführliche Beschreibung gibt Frau
Feddersen-Petersen in ihrem Buch „Hunde und ihre Menschen“ (Franck-Kosmos
Verlag). Sie untersuchte genau die Entwicklung der verwandten Rassen Labrador
und Golden-Retriever. Auch auf sog. „Wesenstest“ und die Beurteilung von Ankörungen
wird genau eingegangen. Trotzdem gibt es natürlich relativ ähnliche
Entwicklungsphasen, die bei allen Hunderasse einigermaßen übereinstimmen.
Im
folgenden Abschnitt soll auf einige Erkenntnisse im Zeitraum der frühen
Entwicklungsphasen eingegangen werden:
DIE
ERSTEN 2 WOCHEN im Leben eines Welpen werden meist als VEGETATIVE PHASE
bezeichnet. In diesem Zeitraum dominiert klar das angeborene Verhaltensinventar,
das bereits bei der Geburt voll entwickelt ist. Suchpendeln des Kopfes,
Kreisbewegungen, Strampeln, Maulöffnen, Fellbohren, Lecksaugen, Milchtritt mit
den Vorderpfoten, Abstemmen mit den Hinterpfoten und Unlustlaute.
Sozialkontakte
gibt es noch keine, ebenso wenig wie Umweltbezug oder Lernen. Die Wärmeproduktion
des Körpers setzt erst langsam ein, weshalb es zur „Häufchenbildung“
besonders bei kälterer Außentemperatur kommt. Die Augen öffnen sich so um den
10. Bis 13. Tag, doch sehen die Welpen noch nichts.
Die
3.WOCHE wird nach Trumler als ÜBERGANGSPHASE bezeichnet. Die Riechleistung
beginnt sich zu entwickeln und etwa ab dem 17. Bis zum 21. Tag können die
Welpen sehen und hören. Umweltbezug, Kennenlernen von Mutter und Geschwistern
setzen ein. Die Fortbewegung wird zielgerichtet. Kriechlaufen geht in erstes
noch sehr wackeliges (bes. hinten) Gehen über. Rasend schnell nehmen die Fähigkeiten
und Aktivitäten des Kleinen gegen Ende der Übergangsphase zu. Die
Kontaktaufnahme mit den Geschwistern wird intensiver.
AB
DER 4. BIS ZUR 7. ODER 8. WOCHE spricht man von der PRÄGUNGSPHASE. Die
Sinnesorgane sind nun voll entwickelt. Die Fähigkeiten zur Fortbewegung nehmen
rasch zu. Ersten Traben setzt ein. Das Spiel der Kleinen untereinander
intensiviert sich. Lernen ist bereits voll ausgeprägt. Die Neugier nimmt ständig
zu. Die Kleinen beginnen auszuschwärmen und alles zu untersuchen. Die Milchzähne
brechen durch und feste Nahrung kann aufgenommen werden. Bis zum Ende der 7.
Woche nimmt meist auch die Milchleistung der Mutterhündin stark ab, so dass die
Zusatznahrung langsam immer wichtiger wird.
Alles
liegt in der Hand des Züchters!!
Ist
er ein guter Züchter, so handelt er danach und weiß dies längst. Und noch
etwas kommt hinzu. In dieser Phase ist es ebenfalls sehr wichtig, den Welpen
verschiedene Umweltbedingungen zu bieten und sie mit den verschiedenen
Umweltreizen (wie Licht, Geräusche, Lärm, Bewegungen etc.) zu konfrontieren.
Sie sollten also kurzfristig und immer wieder durchaus einer kurzen Stressaktion
ausgesetzt werden (z.B. lautes Geräusch, in einen fremden Raum setzen, auf
unbekannten Boden gehen lassen etc.). Diese Methode macht die Welpen weitgehend
sicher in jeder fremden Umgebung und unbekannter Situation, soweit dies eben möglich
ist. Macht man das alles nicht, zeigen die Welpen Angst in jeder neuen Umgebung,
stehen wie paralysiert da, zittern, etc. Angstphasen gibt es ohnehin später
immer wieder, doch werden sie durch dieses Training stark gemindert. Auch in
diesem Punkt hat also der Züchter eine gewaltige Verantwortung und kann enorm
viel tun und verbessern. Sicher spielt auch die Vererbung bestimmter Anlagen
eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aber ein Welpe mit „nicht so guten“
Anlagen kann durch diese Förderung immer noch besser werden als einer mit
„guten“ Anlagen ohne Förderung.
Nochmals
zurück zu den Spielstunden. In dieser Zeit kann beides kombiniert werden.
Fremde Umwelt und enger Kontakt mit dem Menschen oder zunehmend laute Geräusche
durch den Menschen mitten im Spiel. Nach kurzer Zeit gewöhnen sich die Welpen
daran. Ganz wichtig ist auch, daß ihnen Spielzeug angeboten wird. Damit können
viele weitere Fähigkeiten gefördert werden. In den letzten Teil der Prägungsphase
oder in den ersten Teil der SOZIALISIERUNGSPHASE
fällt meist die Abgabe der Welpen an die Neubesitzer. Obwohl sich hier
die Geister ein wenig scheiden, sollten doch die Welpen eher nicht zu spät
abgegeben
werden. Das Eingliedern in die neue Familie gelingt mit einem 8 Wochen alten
Welpen sicher besser als mit einem 10 Wochen alten, der sich längst in der sog.
Sozialisierungsphase befindet.
Abschließend
noch folgendes: Natürlich können auch „schöne“ Hunde gezüchtet werden,
ohne dass die oben angeführten – in meinen Augen – absolut notwendigen Förderungen
durchgeführt werden. Die Welt ist voll von solchen armen Geschöpfen. Viele von
ihnen sind reine Zwingerhunde, die vielleicht (hoffentlich) mit dem Besitzer
oder Züchter noch guten Kontakt haben, aber sonst nur ihren engen Lebensbereich
kennen. Kommen sie in fremde Umgebung, sind sie voll Angst, die bis zur Panik
reichen kann, ganz abgesehen von aggressiven Verhaltensweisen. Es bedarf stärkster
Liebe und Zuwendung und vor allem unendlicher Geduld, um diesen armen Wesen
wieder ein wenig Selbstsicherheit und
Lebensqualität zu geben. Es liegt in der Hand der Züchter, enorm viel zu einer
Verbesserung beizutragen. Kommt noch eine Selektion auf Hunde mit „guten“
Verhaltensanlagen hinzu, haben wir das Optimum. Und das ist bei unseren Neufundländern
durchaus machbar.
DIE
ERSTE ZEIT IM NEUEN HEIM – hier soll nun noch relativ kurz auf die weiteren
Entwicklungsphasen des heranwachsenden Welpen eingegangen werden:
Beim
neuen Welpenbesitzer wird sich nun zeigen, was aus dem entzückenden kleinen
Hundekind werden kann. Der Züchter legte die Basis, doch der persönliche und
unverwechselbare Charakter tritt nun voll zu Tage.
Lassen wir für die folgenden Ausführungen den Sonderfall beiseite, bei dem der kleine Welpe beim Züchter selbst bleibt. In den meisten Fällen verlässt der Welpe Mutter, Geschwister sowie die gute bekannten Menschen und eventuell Hunde und kommt in eine ihm fremde Umwelt.
Wenn der Welpe gut auf Menschen
geprägt wurde und auch „Umwelterfahrung“ hatte, wird es meist nicht allzu
lange dauern, bis er den Trennungsschmerz überwunden hat. Bei manchen Welpen
scheint es nicht die leisesten Übergangsprobleme zu geben. Sie vertrauen den
„neuen“ Menschen sofort. Sind von Beginn an unbekümmert und frech. Andere
wiederum sind ebenfalls schon voll Vertrauen zum Menschen, erweisen sich aber
als „Seelchen“. Sie brauchen ein wenig länger, bis sie sich anpassen. Öfter
bleiben diese Hunde ihr ganzes Leben lang sensibler und ganz besonders zugetan.
In
seltenen Fällen – und eigentlich sollte es beim Neufundländer nicht
vorkommen – können Welpen auch scheu, misstrauisch, zurückhaltend, ja sogar
knurrig sein. Die Ursachen dafür sind nicht immer leicht zu ergründen. Man
muss die Vorgeschichte kennen. Falsche Aufzucht (s. oberen Teil der
Welpenentwicklung), Veranlagung oder besonders einschneidende Erlebnisse (oft
auch eine Kombination) können die Ursache sein. Besonders liebevoll und vor
allem geduldige Behandlung ist notwendig. Diese Beschreibung weniger Beispiele
ist natürlich sehr grob und stark vereinfacht. Es gibt in Wirklichkeit viele
Abstufungen und feine Unterschiede. Jeder Welpe ist eine eigene unverwechselbare
Persönlichkeit. Es muss daher noch einmal auf das hervorragende Buch von Frau
Dr. D.Feddersen-Petersen „Hunde und ihre Menschen“ hingewiesen werden, in
dem die Verhaltensentwicklung von Hunden im Detail dargestellt wird.
Wenn
der Welpe in sein neues Heim kommt, befindet er sich in der sog.
SOZIALISIERUNGPHASE (nach E.Trumler), DIE ETWA BIS ZUR 12./13.WOCHE reicht. In
der Natur würde jetzt der Vater oder bei Fehlen, die Mutterhündin den Welpen
erziehen. In unserem Fall muss natürlich der Mensch die Erziehung übernehmen.
Dies sollte vom ersten Tag an mit liebevoller Konsequenz geschehen. Der kleine
Welpe wird z.B. durch Hilfsstellung (etwa Belohnung) rasch stubenrein werden und
bald erkennen, was „nein“ bedeutet. Das Spiel mit dem Welpen ist von überragender
Bedeutung. Dadurch festigt sich die Mensch-Hund Beziehung ganz besonders und
legt den Grundstein für die künftige Lernbereitschaft. Gewöhnung an fremde
Umwelt, Menschen und Hunde sollte langsam einsetzen. Gegen Ende dieser Phase und
mit Beginn der sog. RANGORDNUNGSPHASE (etwa
bis zum 4./5. Monat) kann durchaus schon mit ganz kurzen Übungen
begonnen werden.
Auch
die Möglichkeit, Wasser kennen zu lernen, sollte man dem Welpen bieten. Er wird
bald viel Spaß daran haben. Etwa bis zum 7. Monat entwickelt sich im Normalfall
die freiwillige Einordnung, Gefolgstreue und Freude an Zusammenarbeit. Die
Bindung hat sich gefestigt. Wenn all dies entritt, kann später nicht mehr allzu
viel schiefgehen und der Welpe reift zu einen typischen Neufundländer heran.
Verfasser Dr. Heinz Juan